Skip to content

Steiler Zahn², 2016

 

Steiler Zahn Detail

 

Steiler Zahn hoch zwei

Acryl auf Pappe, Mixed Media

40×40 cm

 

Ôtel Mandalya

Nun kam er schon zum zweiten Mal nach Boğaziçi Köyü, einem kleinen Fischerdorf in der Türkei zwischen Bodrum und Milas an der süd-westlichen Küste zum Mittelmeer. Eigentlich war geplant, dass Glücksdorn dort wieder seinen Freund Martin besuchen würde, der seit fünf Jahren an diesem beschaulichen Ort lebte, nachdem er mehrere Jahre in Griechenland verbracht und vorher die halbe Welt bereist hatte.

So hinterließ er Glücksdorn den Haustürschlüssel in einem Versteck im Garten und wollte selbst ein paar Tage nach dessen Ankunft Ende April aus Deutschland nachkommen, wo er ein paar Dinge zu erledigen hätte. Glücksdorn kannte Martin über ein deutschsprachiges Diskussionsforum im Internet, das alle Themen rund um die Türkei behandelte. Bei seinem ersten Aufenthalt im Dorf hatten sie sich bis auf ein paar anfängliche Missverständnisse über den genauen Umfang der Bezahlung für Kost und Logis zum Freundschaftspreis gut verstanden und eine geruhsame Zeit miteinander verbracht, die mit sporadischen Spaziergängen, gemeinsamem Essen und dem Baden im Meer ausgefüllt war.

Martins Rückkehr verzögerte sich nun jedoch aus irgendwelchen Gründen bis über Glücksdorns Abreise hinaus, so dass er viel Zeit allein in der für einen Weltenbummler wie Martin typischerweise spärlich eingerichteten Unterkunft verbrachte. Dankenswerterweise war Haus- und Hofhündin Mavi an seiner Seite, deren Frauchen Emine ein paar Häuser weiter oben am Hang wohnte. Mavi begleitete Glücksdorn auf seinen Ausflügen zum Badestrand und ins Dorf, wo er am Hafen einen Çay oder einen türkischen Kaffee trank. Gelegentlich traf er den Kapitän eines Touristenschiffes für Küstentouren, der ihn sofort an Hand Mavis zweifarbigen Augen, eines braun, eines mavi, türkisch für blau, als einen Freund Gustavs ausmachen konnte. Ibrahim sprach nur Türkisch, was die Verständigung aufgrund Glückdorns äußerst mangelhafter Kenntnisse der Landessprache erschwerte. Dennoch lernte er durch Ibrahim ein paar weitere Dorfbewohner kennen, die zum Teil aus dem deutschen, dem englischen und französischen Ausland kommend ein paar Monate hier verweilten. Sein Englisch wie auch sein Französisch waren deutlich besser als sein Türkisch.

Trotz dieser für ein wenig Abwechslung sorgenden Begegnungen litt Glücksdorn zunehmend unter seiner Einsamkeit, die auch durch seine täglichen Kleksereien auf Papier mit den eigens mitgebrachten Acrylfarben keine Linderung erfuhr. Zwar leistete Mavi großartige Dienste als Gesellschafterin, aber als Glücksdorn über mehrere Tage keine tiefer gehende Unterhaltung hatte als „Merhaba! Nasilsin?“ – „İyiyim. Sen nasilsin?“ – Bende iyiyim“, wurde er nach und nach ein wenig – wie sagt man? Wunderlich?! Die Gespräche mit der Hündin verwandelten sich langsam zu Selbstgesprächen und sorgten dafür, dass er nicht nur sich selbst, sondern auch Mavi gegenüber unaufmerksam wurde. Bei einem ihrer Streifzüge durch die bergige Küstenlandschaft der Umgebung achtete er deshalb nicht weiter auf ihr Knurren, als sie einen schmalen Weg einschlugen und übersah ihr Zögern, ihm zu folgen. Als Mavi schließlich doch hinterher schlich, tauchte ein Rudel Straßenhunde auf, das mit gesenkten Häuptern und aufgestelltem Nackenfell auf die beiden Spaziergänger zukam. Mavi knurrte lauter. Der Rudelführer wollte ihn beschnuppern, aber Mavi fletschte grimmig die Zähne. Es kam unvermittelt zum Kampf, der Straßenhund verbiss sich in Mavis Bein. Glücksdorn schrie panisch auf und ergriff einen Stein, den er dem Anführer des Rudels entgegenschleuderte. Sein Gezeter zeigte erstaunlicherweise sofort Wirkung und das Rudel trollte sich, aber Mavi hatte eine Wunde am Hinterlauf und Glücksdorn sich bei seinem Steinwurf vor Schreck einen tief sitzenden Hexenschuss eingefangen. Zu allem Überfluss fing es an zu regnen.

Humpelnd und stöhnend machten sie sich auf den Rückweg. Glücksdorns Rücken schmerzte bei jedem Schritt. Plötzlich vernahm er ein anderes Knurren, vielleicht auch ein Grunzen aus einem Gebüsch. Es war jedoch nichts zu sehen. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er wusste nicht, ob er sich das unheimliche Geräusch einbildete, oder ob es von einer der Wildsäue stammte, die hier in der Gegend vorkommen sollten. Mit so einem Tier war nicht zu spaßen, wenn es seinen Nachwuchs im Gefolge hatte. Auch Mavi verharrte im Lauf. Kurz entschlossen schlugen sie sich einen Weg durch das dichte Gestrüpp, als weiträumiges Ausweichmanöver, um die potentielle Sau zu umgehen, Glücksdorn immer noch im Zweifel, ob er nun schon halluzinierte oder ob tatsächlich Gefahr für Leib und Leben drohte. Kaum besser, waren querfeldein doch Schlangen und Skorpione zu befürchten, von Disteln und Dornen ganz zu schweigen!

Schließlich gewitterte es, der Himmel kübelte regelrecht ab. Um nicht völlig durchnässt zu werden, suchten sich die beiden gleichermaßen angeschlagenen Gefährten auf die letzten paar hundert Meter zum Dorf Unterschlupf in der verlassenen Hotelanlage, die seit einigen Jahren leer stand und Gerüchten zufolge weniger legal als vielmehr mit Hilfe beträchtlicher Summen Schmiergeldes erbaut wurde. Weil die dortigen Gäste stets im Hotel verweilten und das nahe liegende Örtchen deshalb keinerlei finanziellen Nutzen daraus ziehen konnte, wurde der Hotelbetrieb von einigen Anwohnern vor Gericht zum Erliegen gebracht, was immerhin eine Morddrohung aus den Kreisen der Mafia nach sich gezogen haben soll.

Das Gebäude war verrottet und dem Verfall ausgesetzt. Überall lagen Müll und Dreck auf dem Boden, alte Prospekte und Kataloge, ausgelaufenes Heizöl im Kellergeschoss, zerbrochene Spiegel, verstaubte Speisekarten, von Feuchtigkeit versiffte Bettwäsche. Durch die eingeschlagenen Fenster rankten Pflanzen ins Innere. Glücksdorn und Mavi erkundeten vorsichtig die verfallenen Räume. Ein alter Billiardtisch, auf die Seite gestellt, die alte Bar,  demolierte Tische und Stühle, ein abgebröckeltes Wandgemälde mit Sonnenuntergang am Meer…. Zwei offene Fahrstuhlschächte klafften im Gemäuer, das Treppenhaus ohne Geländer.

Nach einer zehnminütigen Verschnaufpause erklommen sie, wo sie nun mal hier waren, etwas mühselig ein Stockwerk nach dem anderen. In der zweiten Etage fiel Glücksdorn auf, dass die Zimmernummern noch an der Wand neben den Türen hingen, 213, 214, 215… Er wurde neugierig, ob die Zimmernummer 408 zu finden sein würde. Vierhundertacht, „dört yüz sekis“, über Jahre die einzige Türkische Zahl, die er kannte, nach dem er 1992 mit seinen Eltern und seiner Schwester einen Urlaub in Alanya verbracht hatte. Seine Schwester und er schliefen damals gemeinsam in Zimmer Nummer 408, und so merkten sie sich diese eine Zahl auf Türkisch, um den Schlüssel an der Rezeption ausgehändigt zu gekommen: Dört yüz sekis, lütfen!

Im vierten Stock des Abbruchhotels zählte er die Zimmernummern: 404, 405, 406, 407… als nächstes musste die 408 kommen. Aber die Acht fehlte. Es standen nur noch die Vier und die Null auf dem Schild. Wie schade! Hätte er dieses eine Schild doch gerne seiner Schwester mitgebracht… Und überhaupt! Was hatte das zu bedeuten, dass ausgerechnet dieses, sein Türschild beschädigt war? Die Acht fehlte. Die Acht… stand die nicht für Unendlichkeit, auf die Seite gestellt? Was wollte ihm das sagen? Er suchte nach einer Erklärung, ganz in seine eigenbrödlerische Entrücktheit der letzten Tage und die Erschöpfung nach der jüngsten Aufregung  eingetaucht… Wenn er doch die Ewigkeit suchte, seit Jahren schon, in der Liebe die große Erfüllung suchte, sollte das heißen, dass sie ihm endgültig abhanden gekommen, verwehrt sei? Jetzt bloß nicht in irgendwas reinsteigern, Glücksdorn! Er schaute sich das Schild noch einmal an. Warum fehlte ausgerechnet bei diesem die letzte Ziffer?

Aber halt! Was blieb denn übrig? Genau, 4 und 0! Vierzig! War doch auch eine besondere Zahl! 40 Jahre musste das Volk Israel in der Wüste umherirren, bevor es ins Gelobte Land einziehen durfte. 40 Tage weilte Jesus in der Wüste, wo ihn der Teufel in Versuchung führen wollte… Mit 40 Jahren hatte Mohammed seine erste Offenbarung. Ali Baba und die 40 Räuber! Und Glücksdorn? Er war 39! Also in seinem 40. Lebensjahr. Vielleicht hätte seine achthaft-ewig verzweifelte Suche nach Liebe bald ein Ende, seine Sehnsucht würde endlich gestillt, dürstete ihn doch so… Ha! Das gefiel ihm, war doch mal ein gutes Zeichen!

Beherzt machte er sich daran, das Schild von der Wand mit einer kleinen Marmorplatte abzuschlagen. Der erste Versuch scheiterte. Verdammt fest angebracht! Nochmal… Mist, wieder nicht. Jetzt aber! Zack! Das Schild fiel zu Boden… Ein lauter Knall – Peng! Blitz und Donner, im selben Moment! Der Hund jaulte auf. Glücksdorn wurde schwarz vor Augen, er taumelte… und stürzt… in einen der Fahrstuhlschächte, fällt… und fällt…

Kurz vor dem Aufprall oder schon zum Zeitpunkt desselbigen, vielleicht auch genau im Grenzbereich zwischen diesen beiden, sozusagen wie parallel in der Unendlichkeit verschmelzenden Augenblicke wachte er auf. Blinzelnd versuchte er sich zu orientieren… wo war er? Was war das? Schaute ins morgendliche Halbdunkel… vorsichtig um sich tastend lag Glücksdorn in einem Bett. In seiner Wohnung? In Berlin?! Puh… was für ein Alptraum! Und diese Schmerzen im Rücken! Erstmal eine Kippe… schwerfällig wankte er in die Küche. Sein Kopf steckte noch in der verwirrten Blase des Halbschlafs, in die er den Rauch zu inhalieren gedachte, um sie hoffentlich zum Platzen zu bringen.

Als er wieder etwas klarer bei Verstand war und mit einem Kaffee in der Hand zurück ins Bett kriechen wollte, fiel ihm eine kleine Steinplatte mit einer Zahl darauf ins Auge, die auf der Matratze liegend unter der Bettdecke hervorlugte…

Dört yüz sekis Schwarz-Weiss umkehr

Zur Boğaziçi Köyü Suite

Kaa-Ringelalarm on da Street, 2015

Kaa-Ringelalarm on da Street II

Installation am Böhmischen Platz,

Rixdorf-Neukölln, Berlin

Mauerblume, 2015

Mauerblume

Mixed Media

40x30x7 cm

Von Puppen und Menschen – Theaterprojekt Frühjahr 2015

Weltenei-Artur-und-Nele--Kinder--klein-

Zur Projekt-Dokumentation (Neukölln TV)

Zum Projekt-Blog

I ♥ NEUKÖLLN (Rosengarten), 2015

Rosengarten

Rosengarten II

Berliner Kindl (Gentrifick Dich), 2012/2015

Berliner Kindl (Gentrifick dich), 2015

Öl, Acryl und Buntstift auf Leinwand, Collage, 110×80 cm